Mors certa, hora incerta

oder: Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit

Nachruf auf Jörg Bräunig

Heute erreichte mich eine Nachricht, die mich vollkommen fassungslos zurückläßt: der Meißener Domkantor Jörg Bräunig ist völlig überraschend in der Nacht zum Freitag (16.11.) gestorben.

Jörg Bräunig habe ich vieles, wenn nicht alles hinsichtlich meiner Berufswahl zu verdanken. Als ich 14 Jahre alt war, übernahm er das Kantorenamt in meiner Heimatstadt Auerbach/Vogtland. Bei ihm wechselte ich zum ersten Mal von der Kurrende in den Kirchenchor und durchlief etliche weitere Gruppen (Jugendchor, einen überregionalen Kammerchor, einen semiprofessionellen Projektchor „Vocalkreis ’93“ etc.), aber vor allem kam ich dank ihm zum ersten Mal in Kontakt mit etwas, von dem ich zuvor noch rein gar nichts gehört hatte: mit der „historischen Aufführungspraxis“. Er setzte unzählige Werke barocker Komponisten auf sein Programm, und er holte zum ersten Mal ein Barockorchester ins beschauliche Vogtlandstädtchen! Und was sich mir dadurch alles erschloß! Nicht nur, daß ich zum ersten Mal in diese Klangwelten getaucht wurde und mich aufgrund dieser Erfahrungen auch selbst auf die Suche begeben und ganz neue Welten entdeckt habe, sondern alles verband sich bei ihm auch ganz selbstverständlich mit Lust und Freude am Musizieren (nicht selten fing er vor dem Chor oder Orchester an zu „tanzen“ vor Enthusiasmus und Motivationsdrang), vor allem aber mit seinem allem zugrundeliegenden Glauben und Gottvertrauen. Bachs „Soli Deo Gloria“ war bei ihm keine bloße Floskel, sondern authentische Grundlage für seine Begeisterung an jeglichem Musizieren.
Wie das dann so ist im Teenager-Alter: man sucht die Nähe zu Menschen, von denen man meint, etwas Entscheidendes lernen zu können, selbst wenn man sich gar nicht dessen bewußt ist, daß man in diesen Momenten etwas Entscheidendes, Lebensveränderndes lernen würde. So war es auch in diesem Fall: rückblickend betrachtet kann ich sagen, daß ich alles aufsog wie ein Schwamm, möglichst alle Projekte bei ihm mitsang, möglichst viele seiner Konzerte besuchte – selbst dann noch, als wir längst aus Auerbach weggezogen waren. Und es fühlte sich an wie ein Ritterschlag, als ich 1997 zum ersten Mal mit zur sommerlichen Proben- und Konzertwoche des „Vocalkreis ’93“ fahren konnte, dem sonst hauptsächlich studierte oder noch studierende Kirchenmusiker angehörten. Da stand ich dann als 16jähriger Schüler im Tenor, sang zum ersten Mal Werke von Jan Dismas Zelenka, Heinrich Schütz, Giovanni Gabrieli, Orlando di Lasso – und fühlte mich großartig!
Gleichwohl war da noch in keinster Weise abzusehen, daß ich jemals den Gesang zu meinem Beruf machen würde, ich sang einfach gern und freute mich, dabei sein zu dürfen. Und ja: im Tenor…

So wie ich „meinem“ Kantor die Treue hielt und gern für alle musikalischen Schandtaten zur Verfügung stand (auch als Registrant, als Posaunist im Posaunenchor, als Geiger bei Gottesdiensten…), so förderte er mich auch (Unbewußt? Mit einem bestimmten Ziel? Etwas in mir erkennend? Zumindest war ich nie offiziell sein „Schüler“, faktisch aber natürlich mit jeder Minute, die ich unter seiner musikalischen Leitung verbrachte…), wie es ihm sein Dienst ermöglichte und auftrug – einfach, indem ich sehr oft dabei sein konnte und von ihm eingesetzt wurde. Er ließ mich beispielsweise auch mal eine Bachkantate als Konzertmeister im Gottesdienst spielen, obwohl ich aus meiner heutigen Sicht dieser Partie wirklich in keinster Weise gewachsen war. Oder ließ mich die Einsingeübungen im Chor übernehmen, die ich mir zuvor natürlich vor allem von ihm abgeschaut hatte.
Bei Jörg Bräunig sang ich denn auch meine ersten, zunächst winzigen Soli (einen Knecht in Perandas „Markuspassion“ zum Beispiel), und in seinen Chören lernte ich zum ersten Mal die großen Oratorien kennen, die heute zu meinem Hauptrepertoire als gestandener Solist zählen: Bachs „Weihnachtsoratorium“, „Johannespassion“, „Magnificat“ und „h-Moll-Messe“, zudem etliche Kantaten Bachs und seiner Zeitgenossen. Ich hörte dank ihm und meiner daraus resultierenden Beschäftigung mit der „Alten Musik“ zum ersten Mal einen Altus (nämlich Andreas Scholl auf CD), und da er selbst auch gern mal im Alt „aushalf“, wurde mir überhaupt erst bewußt, daß das ja theoretisch auch möglich ist. Dennoch sang ich zunächst weiterhin und gern Tenor, hin und wieder auch bei kleinen Solostellen – oder gar Baß, wenn mal Not am Mann war; und all das mit der schon erwähnten, von ihm ausgestrahlten und auf alle übertragenen Musizierfreude. Die Musik mußte immer auch „Swing“ haben…

Um es etwas abzukürzen: ich sang letztlich bei ihm auch zum ersten Mal ein kleines Altsolo, nämlich einen Hirten in Heinrich Schütz‘ „Weihnachtshistorie“ – weil er es mir zutraute! (Er selbst sang übrigens den zweiten Alt…)
Und er ermutigte und förderte mich auch, als ich kurz darauf tatsächlich in Erwägung zog, mich in Leipzig für ein Studium der Alten Musik mit Hauptfach Gesang zu bewerben. Die Freude – aber ehrlicherweise auch Überraschung (bei mir – ob auch bei ihm?) – war groß, als ich den Studienplatz bekam!
Und auch dann brach unsere Verbindung nicht ab, im Gegenteil: er verfolgte noch immer, was ich tat und wie ich sang. Er setzte mich als einer der Ersten als Solist ein, ungeachtet meines „Studienanfänger-Status“ – und war es auch als „bloße Lücken“-Musik in Chorkonzerten, in denen ich ein Schemelli-Lied o.ä. zum Besten gab. Ich konnte mich bei ihm ausprobieren und sogar öffentlich Prüfungs- oder Wettbewerbsprogramme singen. Bei ihm durfte ich zum ersten Mal als Solist Bachs „Weihnachtsoratorium“ mit Barockorchester singen, zum ersten Mal den Solopart in Bachs „Matthäuspassion“, zum ersten Mal Bachs „h-Moll-Messe“ als Solist (und zugleich als Chorist, denn auch das tat er: er setzte Rifkins und Parrotts Ideen der Chorbesetzung bei Johann Sebastian Bach einfach mal in die Tat um – im sächsischen Vogtland!). Unter seiner Leitung durfte ich zur feierlichen Wiedereinweihung „meiner“ heimatlichen St. Laurentiuskirche in Auerbach einer der Solisten sein (diesmal mit Bachs „Osteroratorium“), ein besonders bewegender Moment für mich. Er lud das Calmus Ensemble in seine Kirche ein zu einem Konzert, was zu meinem offiziellen Abschiedskonzert von diesem Ensemble werden sollte – nicht weniger bewegend. Und last but not least war Jörg Bräunig auch wie selbstverständlich als Organist und Chorleiter bei unserer kirchlichen Trauung im Jahr 2005 dabei (meine Frau und ich hatten uns nämlich in einem seiner Chöre erst kennen- und später liebengelernt) und improvisierte, da die gewünschte Toccata von Widor auf der Auerbacher Orgel aus instrumententechnischen Gründen nicht erklingen konnte, dieselbe eben in ein Choralvorspiel hinein.
Derlei gäbe es noch wesentlich mehr zu erwähnen; von seiner unnachahmlichen Art, konzentriertes, zielgerichtetes Arbeiten und Proben mit passenden, gern auch selbstironischen Sprüchen und Anekdoten aufzulockern, ganz zu schweigen…

Kurzum: ohne Jörg Bräunig wäre ich heute nicht der Sänger, der ich bin (ob ich überhaupt einer wäre?), er unterstützte und verfolgte wie kein Zweiter mein Wachsen und Werden auf dem Weg zur Professionalität als Musiker. Dank ihm durfte ich erste Schritte in diese Professionalität hinein tun, er förderte und forderte mich zugleich, indem er mir Aufgaben anvertraute, an die ich mich von selbst vielleicht nicht gewagt hätte. Auch dank ihm und seiner so enthusiastischen, lebensfrohen und lebensnahen, dabei aber dennoch hohen bis höchsten Ansprüchen genügen wollenden Arbeit an der musikalischen Basis einer Kirchgemeinde bin ich heute da, wo ich sein darf. Seine Tür stand mir immer offen. Für all das bin ich ihm unglaublich dankbar. Und ich kann es nicht fassen, daß Jörg Bräunig nun nicht mehr am Leben ist.
Er starb mit 49 Jahren, kurz nach seiner Silberhochzeit; er hinterläßt seine wunderbare Ehefrau und drei erwachsene Kinder – denen mein tiefes Mitgefühl gilt und bei denen nun all meine Gedanken und Gebete sind. Er hinterläßt eine Lücke in meinem Leben als Musiker, die kein Anderer in dieser Weise wird füllen können, allein aufgrund „unserer“ Geschichte (die ich oben nur in Ansätzen erzählt habe). Und ich frage mich: warum er, und warum schon jetzt?
Aber ich bin sicher, letztlich hätte er auf diese Frage zum Beispiel mit dem obigen Zitat aus Bachs „Actus tragicus“ geantwortet: „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit.“
Auch wenn es schwerfällt, möchte ich genau das gern glauben und mir zum Trost werden lassen; vor allem jedoch wünsche ich seiner Familie von Herzen, daß ihr dies zum Trost werden kann. Wenn auch nicht heute, so doch in einigen Wochen, Monaten…

Immerhin kannst Du jetzt Bach persönlich fragen, wie nun sein Chor wirklich besetzt war –
aber dennoch, lieber Jörg: hier wirst Du fehlen!

Dein David

 

PS: Eine erste offizielle Meldung gibt es in der Sächsischen Zeitung.

Update, 19.11.2018:
Die Trauerfeier im Meißener Dom findet am 23.11.2018 um 14 Uhr statt.

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