Chorzeit-Interview

Die Zeitschrift „Chorzeit„, das Magazin des Deutschen Chorverbandes e.V., hat mich vor einiger Zeit zu Johann Kuhnau und seiner Musik interviewt. Dieses Interview ist nun in der aktuellen Ausgabe vom Dezember 2018 erschienen. Unter der Überschrift „Kuhnau füllt eine Lücke“ kann man einiges über meine und unsere Arbeit am Kuhnau-Projekt, dessen Anfänge und überhaupt über Kuhnaus Musik erfahren. Wer also an diesem kleinen Einblick interessiert ist, dem sei diese (übrigens auch sonst für Chorsänger oder am Chorgesang Interessierte sehr lohnende) Zeitschrift mit ihrer brandneuen Ausgabe ans Herz gelegt.
„Bach-Vorgänger Kuhnau zu Unrecht vergessen“ steht schon auf der Titelseite – genau so ist es. Ich hoffe, auch dieses Gespräch kann einen Teil zur überfälligen Wiederentdeckung beitragen, und ich bin dankbar für diese Plattform.

 

Mors certa, hora incerta

oder: Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit

Nachruf auf Jörg Bräunig

Heute erreichte mich eine Nachricht, die mich vollkommen fassungslos zurückläßt: der Meißener Domkantor Jörg Bräunig ist völlig überraschend in der Nacht zum Freitag (16.11.) gestorben.

Jörg Bräunig habe ich vieles, wenn nicht alles hinsichtlich meiner Berufswahl zu verdanken. Als ich 14 Jahre alt war, übernahm er das Kantorenamt in meiner Heimatstadt Auerbach/Vogtland. Bei ihm wechselte ich zum ersten Mal von der Kurrende in den Kirchenchor und durchlief etliche weitere Gruppen (Jugendchor, einen überregionalen Kammerchor, einen semiprofessionellen Projektchor „Vocalkreis ’93“ etc.), aber vor allem kam ich dank ihm zum ersten Mal in Kontakt mit etwas, von dem ich zuvor noch rein gar nichts gehört hatte: mit der „historischen Aufführungspraxis“. Er setzte unzählige Werke barocker Komponisten auf sein Programm, und er holte zum ersten Mal ein Barockorchester ins beschauliche Vogtlandstädtchen! Und was sich mir dadurch alles erschloß! Nicht nur, daß ich zum ersten Mal in diese Klangwelten getaucht wurde und mich aufgrund dieser Erfahrungen auch selbst auf die Suche begeben und ganz neue Welten entdeckt habe, sondern alles verband sich bei ihm auch ganz selbstverständlich mit Lust und Freude am Musizieren (nicht selten fing er vor dem Chor oder Orchester an zu „tanzen“ vor Enthusiasmus und Motivationsdrang), vor allem aber mit seinem allem zugrundeliegenden Glauben und Gottvertrauen. Bachs „Soli Deo Gloria“ war bei ihm keine bloße Floskel, sondern authentische Grundlage für seine Begeisterung an jeglichem Musizieren.
Wie das dann so ist im Teenager-Alter: man sucht die Nähe zu Menschen, von denen man meint, etwas Entscheidendes lernen zu können, selbst wenn man sich gar nicht dessen bewußt ist, daß man in diesen Momenten etwas Entscheidendes, Lebensveränderndes lernen würde. So war es auch in diesem Fall: rückblickend betrachtet kann ich sagen, daß ich alles aufsog wie ein Schwamm, möglichst alle Projekte bei ihm mitsang, möglichst viele seiner Konzerte besuchte – selbst dann noch, als wir längst aus Auerbach weggezogen waren. Und es fühlte sich an wie ein Ritterschlag, als ich 1997 zum ersten Mal mit zur sommerlichen Proben- und Konzertwoche des „Vocalkreis ’93“ fahren konnte, dem sonst hauptsächlich studierte oder noch studierende Kirchenmusiker angehörten. Da stand ich dann als 16jähriger Schüler im Tenor, sang zum ersten Mal Werke von Jan Dismas Zelenka, Heinrich Schütz, Giovanni Gabrieli, Orlando di Lasso – und fühlte mich großartig!
Gleichwohl war da noch in keinster Weise abzusehen, daß ich jemals den Gesang zu meinem Beruf machen würde, ich sang einfach gern und freute mich, dabei sein zu dürfen. Und ja: im Tenor…

So wie ich „meinem“ Kantor die Treue hielt und gern für alle musikalischen Schandtaten zur Verfügung stand (auch als Registrant, als Posaunist im Posaunenchor, als Geiger bei Gottesdiensten…), so förderte er mich auch (Unbewußt? Mit einem bestimmten Ziel? Etwas in mir erkennend? Zumindest war ich nie offiziell sein „Schüler“, faktisch aber natürlich mit jeder Minute, die ich unter seiner musikalischen Leitung verbrachte…), wie es ihm sein Dienst ermöglichte und auftrug – einfach, indem ich sehr oft dabei sein konnte und von ihm eingesetzt wurde. Er ließ mich beispielsweise auch mal eine Bachkantate als Konzertmeister im Gottesdienst spielen, obwohl ich aus meiner heutigen Sicht dieser Partie wirklich in keinster Weise gewachsen war. Oder ließ mich die Einsingeübungen im Chor übernehmen, die ich mir zuvor natürlich vor allem von ihm abgeschaut hatte.
Bei Jörg Bräunig sang ich denn auch meine ersten, zunächst winzigen Soli (einen Knecht in Perandas „Markuspassion“ zum Beispiel), und in seinen Chören lernte ich zum ersten Mal die großen Oratorien kennen, die heute zu meinem Hauptrepertoire als gestandener Solist zählen: Bachs „Weihnachtsoratorium“, „Johannespassion“, „Magnificat“ und „h-Moll-Messe“, zudem etliche Kantaten Bachs und seiner Zeitgenossen. Ich hörte dank ihm und meiner daraus resultierenden Beschäftigung mit der „Alten Musik“ zum ersten Mal einen Altus (nämlich Andreas Scholl auf CD), und da er selbst auch gern mal im Alt „aushalf“, wurde mir überhaupt erst bewußt, daß das ja theoretisch auch möglich ist. Dennoch sang ich zunächst weiterhin und gern Tenor, hin und wieder auch bei kleinen Solostellen – oder gar Baß, wenn mal Not am Mann war; und all das mit der schon erwähnten, von ihm ausgestrahlten und auf alle übertragenen Musizierfreude. Die Musik mußte immer auch „Swing“ haben…

Um es etwas abzukürzen: ich sang letztlich bei ihm auch zum ersten Mal ein kleines Altsolo, nämlich einen Hirten in Heinrich Schütz‘ „Weihnachtshistorie“ – weil er es mir zutraute! (Er selbst sang übrigens den zweiten Alt…)
Und er ermutigte und förderte mich auch, als ich kurz darauf tatsächlich in Erwägung zog, mich in Leipzig für ein Studium der Alten Musik mit Hauptfach Gesang zu bewerben. Die Freude – aber ehrlicherweise auch Überraschung (bei mir – ob auch bei ihm?) – war groß, als ich den Studienplatz bekam!
Und auch dann brach unsere Verbindung nicht ab, im Gegenteil: er verfolgte noch immer, was ich tat und wie ich sang. Er setzte mich als einer der Ersten als Solist ein, ungeachtet meines „Studienanfänger-Status“ – und war es auch als „bloße Lücken“-Musik in Chorkonzerten, in denen ich ein Schemelli-Lied o.ä. zum Besten gab. Ich konnte mich bei ihm ausprobieren und sogar öffentlich Prüfungs- oder Wettbewerbsprogramme singen. Bei ihm durfte ich zum ersten Mal als Solist Bachs „Weihnachtsoratorium“ mit Barockorchester singen, zum ersten Mal den Solopart in Bachs „Matthäuspassion“, zum ersten Mal Bachs „h-Moll-Messe“ als Solist (und zugleich als Chorist, denn auch das tat er: er setzte Rifkins und Parrotts Ideen der Chorbesetzung bei Johann Sebastian Bach einfach mal in die Tat um – im sächsischen Vogtland!). Unter seiner Leitung durfte ich zur feierlichen Wiedereinweihung „meiner“ heimatlichen St. Laurentiuskirche in Auerbach einer der Solisten sein (diesmal mit Bachs „Osteroratorium“), ein besonders bewegender Moment für mich. Er lud das Calmus Ensemble in seine Kirche ein zu einem Konzert, was zu meinem offiziellen Abschiedskonzert von diesem Ensemble werden sollte – nicht weniger bewegend. Und last but not least war Jörg Bräunig auch wie selbstverständlich als Organist und Chorleiter bei unserer kirchlichen Trauung im Jahr 2005 dabei (meine Frau und ich hatten uns nämlich in einem seiner Chöre erst kennen- und später liebengelernt) und improvisierte, da die gewünschte Toccata von Widor auf der Auerbacher Orgel aus instrumententechnischen Gründen nicht erklingen konnte, dieselbe eben in ein Choralvorspiel hinein.
Derlei gäbe es noch wesentlich mehr zu erwähnen; von seiner unnachahmlichen Art, konzentriertes, zielgerichtetes Arbeiten und Proben mit passenden, gern auch selbstironischen Sprüchen und Anekdoten aufzulockern, ganz zu schweigen…

Kurzum: ohne Jörg Bräunig wäre ich heute nicht der Sänger, der ich bin (ob ich überhaupt einer wäre?), er unterstützte und verfolgte wie kein Zweiter mein Wachsen und Werden auf dem Weg zur Professionalität als Musiker. Dank ihm durfte ich erste Schritte in diese Professionalität hinein tun, er förderte und forderte mich zugleich, indem er mir Aufgaben anvertraute, an die ich mich von selbst vielleicht nicht gewagt hätte. Auch dank ihm und seiner so enthusiastischen, lebensfrohen und lebensnahen, dabei aber dennoch hohen bis höchsten Ansprüchen genügen wollenden Arbeit an der musikalischen Basis einer Kirchgemeinde bin ich heute da, wo ich sein darf. Seine Tür stand mir immer offen. Für all das bin ich ihm unglaublich dankbar. Und ich kann es nicht fassen, daß Jörg Bräunig nun nicht mehr am Leben ist.
Er starb mit 49 Jahren, kurz nach seiner Silberhochzeit; er hinterläßt seine wunderbare Ehefrau und drei erwachsene Kinder – denen mein tiefes Mitgefühl gilt und bei denen nun all meine Gedanken und Gebete sind. Er hinterläßt eine Lücke in meinem Leben als Musiker, die kein Anderer in dieser Weise wird füllen können, allein aufgrund „unserer“ Geschichte (die ich oben nur in Ansätzen erzählt habe). Und ich frage mich: warum er, und warum schon jetzt?
Aber ich bin sicher, letztlich hätte er auf diese Frage zum Beispiel mit dem obigen Zitat aus Bachs „Actus tragicus“ geantwortet: „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit.“
Auch wenn es schwerfällt, möchte ich genau das gern glauben und mir zum Trost werden lassen; vor allem jedoch wünsche ich seiner Familie von Herzen, daß ihr dies zum Trost werden kann. Wenn auch nicht heute, so doch in einigen Wochen, Monaten…

Immerhin kannst Du jetzt Bach persönlich fragen, wie nun sein Chor wirklich besetzt war –
aber dennoch, lieber Jörg: hier wirst Du fehlen!

Dein David

 

PS: Eine erste offizielle Meldung gibt es in der Sächsischen Zeitung.

Update, 19.11.2018:
Die Trauerfeier im Meißener Dom findet am 23.11.2018 um 14 Uhr statt.

CD-Neuheiten bei cpo

Meine Website nimmt immer klarere Formen an, und die meisten Bereiche sind schon auf dem neuesten Stand, worüber ich mich sehr freue. Die Diskographie allerdings ist noch in Arbeit, was auch dazu führt, daß einige neue CDs noch nicht eingearbeitet sind, die ich deshalb gern an dieser Stelle vorstellen möchte. Alle stammen diesmal aus dem bewährten Hause cpo.

Besonders geehrt fühle ich mich, nun zum ersten Mal eine CD mit einem der Pioniere der Alten Musik in Deutschland aufgenommen und veröffentlicht zu haben, nämlich mit Hermann Max. Etliche Konzerte durfte ich bereits mit ihm singen, und ihm Rahmen der Fasch-Festtage in Zerbst entstand 2017 auch eine Platte mit Vokal- und Instrumentalwerken von Johann Friedrich Fasch: tolle Musik, die auf jeden Fall ihre Entdeckung wert ist. Mit mir gemeinsam musizieren Veronika Winter, Tobias Hunger und Matthias Vieweg sowie die Rheinische Kantorei und das Kleine Konzert, alle unter der inspirierenden Leitung von Hermann Max.


Manfred Cordes mit seinem Ensemble Weser-Renaissance Bremen muß im gleichen Atemzug genannt werden: auch dieses Ensemble, das soeben seinen 25. Geburtstag feiert, sorgt schon und noch immer für Pioniertaten in der Erschließung lang und zu Unrecht vergessener Musik. Eine ganze Reihe CDs durfte ich mit Weser-Renaissance bereits aufnehmen, und auch die jüngste Neuerscheinung beinhaltet großartige, gleichwohl äußerst selten zu hörende Musik: italienische Madrigale und Orgelwerke von Jean/Giovanni de Macque, einem franko-flämischen Komponisten, der die meiste Zeit seines Lebens in Italien verbrachte und arbeitete. Es empfiehlt sich übrigens gerade bei solchen Aufnahmen, hin und wieder einmal die Gesangstexte im Booklet nachzuverfolgen, denn wie de Macque Wort und Musik verknüpft, war auch für uns Ausführende enorm beeindruckend und kunstvoll. Zu hören auf dieser neuen Platte:


Last, but no least: unser Kuhnau-Projekt geht beständig voran. Soeben erschienen ist die vierte Folge der Gesamtaufnahme, und soviel darf ich verraten: das bedeutet, es ist „Bergfest“.
Auf dieser Volume 4 sind nun erstmals einige kleinerbesetzte Kompositionen zusammengefasst: vier Solokantaten werden ergänzt mit zwei fünfstimmigen Begräbnismotetten (die Noten erscheinen übrigens in diesen Tagen bei Breitkopf & Härtel, und in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift „Chormusik“ wird es dazu auch ein Interview mit mir geben) sowie einer Choralkantate über „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Aufgenommen wurde diese CD wie gewohnt in Rötha, diesmal allerdings in der Marienkirche, die ebenfalls über eine wunderbare Silbermann-Orgel verfügt. Aber hören Sie doch selbst und bleiben Sie dem Kuhnau-Projekt gewogen!


Mit einem Klick auf das jeweilige Cover gelangen Sie übrigens zur entsprechenden Bestellseite, wo sie auch jeweils in die einzelnen Tracks kurz hineinhören können. Demnächst geht das auch in meiner eigenen Diskographie – stay tuned…

Herzlich –
Ihr
David Erler

 

Zurück im Netz

Alles neu macht in in diesem Fall der August: ab sofort ist meine Website wieder am Start! Mit neuem Design, vielen neuen Fotos, ein paar neuen Funktionen, aber gewohnt informativ. Besonders freue ich mich, daß ich nun endlich meine neuen und vor allem aktuellen Portraits präsentieren kann, die der großartige, wunderbare und übrigens uneingeschränkt zu empfehlende Björn Kowalewsky (www.helldunkel-produktionen.de) zu verantworten hat.

Ich freue mich, daß Sie mir die Treue halten oder sogar zum ersten Mal hierher gefunden haben. Schauen Sie sich gern in Ruhe um und lassen Sie mir ebenso gern ein Feedback zukommen – ich bin gespannt auf Ihre Meinung, und Sie bekommen garantiert Antwort!
Wenn das eine oder andere Detail noch nicht perfekt funktionieren oder erreichbar sein sollte, bitte ich um ein klein wenig Geduld, in den nächsten Tagen und Wochen wird es auf jeden Fall noch einige Aktualisierungen (beispielweise im Terminkalender) geben. Wiederkommen lohnt sich also!

In diesem Sinne also bis bald, ganz gleich ob virtuell oder in einem meiner nächsten Konzerte – ich freue mich drauf!
Ihr
David Erler

CD-Erscheinungen – und Kuhnau bekommt ein Zuhause

Johann Kuhnau ist angekommen! Und zwar in seinem neuen Heimatverlag „Breitkopf & Härtel“!
Ich bin sehr dankbar und fühle mich geehrt, daß nunmehr tatsächlich die erste wirkliche Neuausgabe bei diesem renommierten und ältesten Musikverlag der Welt erschienen ist: das Magnificat (mit weihnachtlichen Einlagesätzen) bildet einen überaus angemessenen Neustart der Editionsreihe, die vormals beim Pfefferkorn Musikverlag unter der Bezeichnung „Kuhnau-Projekt“ firmierte.
Dieses Werk ist wohl das prächtigste erhaltene Vokalwerk Kuhnaus. Für die Neuedition habe ich mich allein an die Originalquelle gehalten und bin somit in etlichen Details zu anderen Lesarten gekommen als die wenigen bisher erhältlichen Ausgaben. Außerdem beinhaltet meine Ausgabe zum ersten Mal vier Einlagesätze für Aufführungen zur Weihnachtszeit, die in einer separaten Quelle überliefert sind, und für deren Einordnung in den „Magnificat“-Text ich einige neue Erkenntnisse zutage fördern konnte. So weicht diese Edition schon in ihrer Satzfolge von den bisherigen Gepflogenheiten ab, was übrigens auch auf der im vergangenen Jahr erschienenen CD „Johann Kuhnau – Geistliche Werke Vol. 3“ nachgehört werden kann.
Ich hoffe sehr, daß sich Kuhnaus „Magnificat“ durch diese nun vorliegende Ausgabe seinen Platz im Konzertleben erobern kann und bin dankbar, daß mir der Verlag Breitkopf & Härtel diese Möglichkeit gibt.

Neben diesem für mich persönlich bedeutsamen Schritt und Neuanfang sind unlängst auch noch zwei neue CDs erschienen.
Zum einen gibt es einen Nachklang zum vergangenen Johann-Rosenmüller-Jahr: mit dem Ensemble Weser-Renaissance durfte ich das Wagnis eingehen, 7 verschiedene Vertonungen desselben Psalmtextes aus Rosenmüllers Feder zu musizieren und für CD zu produzieren. Das Ergebnis liegt nun vor, und es ist längst nicht so eintönig, wie diese Beschreibung suggerieren mag, ganz im Gegenteil! Farbig besetzt und instrumentiert, mit immer neuen Ideen für den immer wieder gleichen Text, zeigt diese Aufnahme in besonderer Weise, welch kreativer Komponist dieser Mann war. Ich freue mich besonders, daß die Fassung für Alt-Solo, die ich einsingen durfte, diese Neuerscheinung beschließt.

Zum anderen gibt es die nächste Folge der Schütz-Gesamteinspielung beim Label Carus. Die „Kleinen geistlichen Konzerte II“ bilden die Vol. 17, und sie sind vor allem auch deshalb besonders zu erwähnen und liegen mir sehr am Herzen, weil sie gewissermaßen das Vermächtnis des wunderbaren Ludger Rémy darstellen. Es ist dies wohl seine letzte CD-Einspielung, denn etwa ein Jahr nach der Aufnahme verstarb er – viel zu früh. Es ist mir daher eine besondere Ehre, daß ich in dem Concerto „Was hast du verwirket?“ (wo nur er am Virginal mit mir gemeinsam zu hören ist) noch einmal einen sehr bewegenden Moment mit ihm teilen durfte, der auch für diese Aufnahme festgehalten wurde.
Seine Leidenschaft, sein Suchen nach der Seele in der Musik, vor allem aber auch seine so direkte Emotionalität beim Musizieren habe ich so nirgends sonst erlebt, und auch deshalb fehlt er ganz enorm. Das zeigt auch diese neue CD…

In nach wie vor dankbarem Gedenken, und gleichzeitig sehr freudig über diese neuen Ausgaben in Noten- und CD-Form:
Ihr
David Erler

PS: Und weil Bachs „h-Moll-Messe“ zu jeder (Kirchen-)Jahreszeit paßt: bei AllofBach.com ist sie immer wieder erlebbar.

Bachs „h-Moll-Messe“ bei AllofBach.com

Seit nunmehr einem Jahr ist es vollbracht: auf der Website www.allofbach.com ist das Video von Johann Sebastian Bachs „h-Moll-Messe“ BWV 232 online!

Aufgenommen wurde ein Konzert, das im Rahmen einer Tour am 15. Dezember 2016 in der wunderschönen Grote Kerk in Naarden stattfand, und es handelt sich tatsächlich um einen echten Live-Mitschnitt! Ausführende waren die Nederlandse Bachvereniging mit den (auch sämtliche Chorsätze singenden) Solisten Hana Blažíková, Anna Reinhold, David Erler, Thomas Hobbs und Peter Harvey, die Leitung hatte Jos van Veldhoven.

Sehenswert ist nicht nur das Konzert selbst, sondern auch – wie bei AllofBach üblich – die begleitende Kurzdokumentation, die etliche Interviews mit vielen Beteiligten enthält und dadurch eine sehr persönliche Sicht auf dieses herausragende Werk Bachs bietet.
Zwei Werbevideos gibt es auch online zu sehen: eines als eine Art Teaser, in dem ich auch kurz zu Wort komme, und ein zweites mit dem Cum Sancto Spiritu aus dem Gloria der Messe (siehe unten).

Ich wünsche Ihnen so viel Freude beim Anschauen und -hören der h-Moll-Messe, wie ich sie beim Singen hatte!
Herzlich –
Ihr
David Erler

Altus oder Countertenor?

Ich möchte an dieser Stelle einmal grundsätzlich etwas zu meinem Stimmfach schreiben. Oft werde ich nämlich gefragt, ob ich denn nun ein Countertenor/Kontratenor oder ein Altus sei und was denn der Unterschied zwischen beiden wäre. Meine Standardantwort lautet dann immer, daß es keinen Unterschied gibt, sondern daß beides einfach unterschiedliche Bezeichnungen für dieselbe Sache sind. Das greift natürlich ein wenig zu kurz, deshalb hier nun eine etwas ausführlichere Erklärung.

Beide Bezeichnungen gehen letztlich zurück auf die Entwicklung der Mehrstimmigkeit in der europäischen Kirchenmusik. Die Hauptstimme, die den cantus firmus (die „Melodie“ des Chorals zum Beispiel) sang, nannte man Tenor, wobei hier die erste Silbe des Wortes betont wird. Diese Bezeichnung leitet sich ab vom lateinischen Wort „tenere“ für „halten“ – der Tenor „hält“ also gewissermaßen den Choral. Zunächst traten in der Regel über dieser Stimme einfach eine oder zwei weitere hinzu. Recht bald wurden aber auch Stimmen hinzugefügt, die sich in einer ähnlichen oder sogar einer tieferen Lage befanden. In diesem Zusammenhang taucht zum ersten Mal der Begriff contratenor („Gegen-Tenor“) auf. Am Beginn steht also lediglich eine begriffliche Unterscheidung von der Hauptstimme.
Natürlich wurde dann auch unterschieden, in welcher Lage sich denn diese Gegenstimme befindet. Dies erfolgte mithilfe eines einfachen Zusatzes: man spricht von contratenor altus (dem „hohen Gegentenor“) und von contratenor bassus (dem „tiefen Gegentenor“).
Im Laufe der Zeit ging die Bedeutung des Begriffes „contratenor“ von der rein musikalisch-funktionellen Definition auf den Ausführenden über, so daß manch ein Sänger eben einfach Contratenor genannt wurde. Diese Bezeichnung überdauerte vor allem in England die Jahrhunderte und gewann mit der „Wiederentdeckung“ des solistischen Männeraltes, maßgeblich durch Alfred Deller, wieder an Bedeutung und Bekanntheit, naheliegenderweise in der englischen Form „Countertenor“ (der entsprechende Wikipedia-Artikel ist übrigens tatsächlich recht lesenswert).

Heute hat der Falsettgesang, wie ich selbst ihn auch ausübe, wieder viele und zum Teil weltberühmte Vertreter, und es hat sich gezeigt, daß ein „Countertenor“ nicht zwangsläufig das Pendant zur weiblichen Altstimme sein muß, sondern daß es durchaus auch männliche Mezzosoprane oder gar Soprane gibt.
Deshalb mache ich inzwischen doch wieder eine Unterscheidung, die aber meine ganz private ist: als „Countertenor“ bezeichne ich jeden Sänger, der mit seiner Kopfstimme singt, in welcher Lage auch immer. Als „Altus“ würde ich diejenigen unter den Countertenören bezeichnen, die tatsächlich in der Altlage singen bzw. über eine Kopfstimme in dieser Lage verfügen: ein Alt mit der lateinischen männlichen Wortendung also. Konsequenterweise könnte man dann auch noch von Mezzosopranus oder Sopranus sprechen, manch ein Kollege nennt sich auch Diskant oder Diskantus. Dies sind demzufolge die spezifischeren Einteilungen innerhalb der großen Gruppe der Countertenöre.

Ich selbst, um diesen kurzen Exkurs abzuschließen, nenne mich Altus, weil ich zum einen auch wirklich eine Altstimme habe und singe, zum anderen finde ich ganz schlicht und einfach die Bezeichnung schön, sagt sie doch prägnant das, was ich sängerisch bin: ein männlicher Alt.
Das führt dann mitunter jedoch zu unterhaltsamen Einsendungen befreundeter Kollegen oder gar eigenen Fundstücken
Sind noch Fragen offen geblieben? Sie können mir gern schreiben – oder fragen Sie mich doch einfach bei einem meiner nächsten Konzerte!

Herzlich –
Ihr David Erler